3©© Jahre - Ein Jubilar in der Krise

Das Copyright wird heuer 300Jahre alt– und bedarf dringend einer Neuordnung.

Gastkommentar, "Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2010

 

Vor genau 300Jahren trat zum ersten Mal ein Copyright in Kraft. Nach heftigen politischen Debatten über potenziellen Schaden oder Nutzen eines solchen exklusiven Schutzrechts wurde die „Statute of Anne“ 1709 ausgearbeitet und wurde 1710 in Großbritannien wirksam. Es waren vor allem die klassischen Ökonomen, die im 18. und 19.Jahrhundert in der Einführung dieses Rechts eine unzulässige staatliche Intervention in den Markt sahen. Adam Smith etwa lehnte das Copyright theoretisch ab, sah aber, dass in der Praxis die Vorteile die Nachteile überwogen und befürwortete es letztlich in seinen „Lectures of Jurisprudence“. Zu dieser Zeit betrug die Schutzdauer allerdings in der Regel nur 14Jahre ab der Erstveröffentlichung eines Werkes.

Im Laufe der Zeit sollte sich diese Zeitspanne beim (verwandten) Urheberrecht auf 70Jahre ab dem Tod des Autors oder der Autorin ausweiten. Diese, von vielen Ökonomen als absurd bezeichnete Schutzdauer, resultiert nicht aus volkswirtschaftlichen Überlegungen, sondern aus der kontinuierlichen Durchsetzung von Partikularinteressen vorwiegend seitens der Musik- und Filmindustrie. Wie sehr es sich hier um Lobbyismus handelt und wie wenig es letztlich um sachliche Argumente geht, wurde von einem der wohl bekanntesten Proponenten dieser Diskussion verdeutlicht, Lawrence Lessig, Professor an der Harvard Law School. Lessig beschloss nach umfangreichen Forschungsarbeiten nicht mehr weiter zum Copyright zu arbeiten, sondern wandte sich, wie er selbst sagte, dem eigentlichen Problem zu. Seither forscht er zu Lobbying und Korruption.

So weit so gut, doch weshalb ist der Jubilar, das Copyright selbst, in der Krise? Darauf gibt es zwei Antworten. Die erste ist teils ökonomischer und teils moralischer Natur und entstammt der Argumentation neoliberaler Wohlfahrtsökonomie.

Aus ökonomischer Sicht ist das Copyright eine staatliche Intervention in den Markt beziehungsweise eine indirekte Subvention. Wie bei allen Subventionen muss der Staat den Nutzen der Subventionen gegen ihre Kosten abwägen und diese beiden Größen in Balance halten. Diese Balance besteht derzeit nicht, und es liegt daher der Schluss nahe, dass es bei dieser indirekten Subvention zu einer Überförderung beziehungsweise Überregulierung gekommen ist, die ausschließlich einigen wenigen Superstars und vor allem deren Verlagen nützt. Der Löwenanteil der Kreativen und deren Verlage können von einer nahezu unendlichen Schutzfrist nicht profitieren, im Gegenteil, es schränkt aufgrund der Transaktionskosten die kreative Arbeit ein und verlangsamt die Innovation.

Das zweite Argument für eine Erneuerung, sowohl des Urheberrechts als auch des Copyright, ist grundlegender und, anders als das erste, ökonomisch unangefochten. Durch die Digitalisierung haben sich die Eigenschaften von Informationsgütern verändert, wodurch zum ersten Mal Privatpersonen die Möglichkeit zur Verfügung steht, Inhalte von den jeweiligen Datenträgern zu entkoppeln. Während man früher nur einzeln und direkt kopieren konnte, so können jetzt Inhalte im Internet bereitgestellt werden, auf die dann eine weltweite Öffentlichkeit zugreifen kann. Neu daran ist, dass die Kosten der Distribution gegen null gehen.

Daher ist jenes Geschäft, das die Musik- und Filmindustrie in den vergangenen Jahrzehnten perfektioniert hat, nämlich der Vertrieb von Trägermedien, weitgehend obsolet geworden. Zeitgemäße Vertriebskanäle benötigen keine ausgefeilte Logistik, kein Trägermedium, keine Zwischenhändler, keine Geschäftsmieten, kein Verkaufspersonal und nicht einmal einen zentralen Server. Der Vertrieb funktioniert über private Festplatten und private Internetanschlüsse. Das heißt nicht, dass in Zukunft Verlage unnötig wären, aber sie werden sich anderen Aufgaben als der Distribution von Trägermedien zuwenden.

Der einzige Pferdefuß im Vertriebssystem besteht darin, dass es noch keine durchsetzbaren Modelle gibt, die einen Geldfluss von den Konsumenten hin zu den Kreativen garantieren. Dies ist das Hauptproblem und auch das Hauptargument der Lobbys der Musik- und Filmindustrie dafür, auf ein härteres Copyright zu drängen und eine datenschutzrechtlich äußerst fragwürdige Rechtsdurchsetzung (z.B. Zugang zur Vorratsdatenspeicherung) zu verlangen.

Die Geschäftsmodelle, die sich in den letzten 300Jahren herauskristallisiert haben, waren an die vorhandenen Rechtsnormen angepasst und diese wiederum an die jeweiligen Technologien. Eben dieses Zusammenspiel aus Technologie, Rechtsnormen und Geschäftsmodellen ist derzeit gestört. Der im Recht versprochene Schutz kann technologisch nicht umgesetzt werden. Im Internet gibt es keine Kontrolle über einzelne Werke, und jeder Versuch, diese Kontrolle herzustellen, war und ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Nicht die Technologien müssen an geltendes Recht angepasst werden, sondern das Recht muss den Rahmenbedingen, wie z.B. technologischen Innovationen, entsprechen. Anstatt alte Businessmodelle gegen jede Realität zu verteidigen müssen neue Modelle (legal) umsetzbar werden, um die positive Wirkung der schöpferischen Zerstörung (Schumpeter) wirken zu lassen.

In den Worten von Gustav Mahler: Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Das Copyright und seine kontinentaleuropäische Ausprägung muss zu seinem 300-jährigen Jubiläum dringend überholt werden, damit es auch in Zukunft das leisten kann, wozu es ursprünglich geschaffen wurde: den Kreativen Einkommen zu verschaffen.




<- Zurück zu: News


diese Seite drucken.