Retter ohne Gefahr

Von Paul Stepan in derstandard.at - derstandard.at (28.08.2007)

“Wir sind keine Ritter, sondern Retter” verkündet Franz Medwenitsch, Geschäftsführer der IFPI Austria, Warum es zu dieser Klarstellung überhaupt kommen musste, liegt am Wiener SP-Gemeinderat Siegi Lindenmayr, der der Musikindustrie Managementversagen in den letzten Jahren vorgeworfen hat und daran, dass letztere nun versucht sich an den KonsumentInnen abzureagieren. Zwei wortgewaltige Statements, wie sie bei P2P-Diskussionen üblich sind. Aber wen retten die selbsternannten Retter der IFPI eigentlich? Wer sind die schutzlosen Wesen, die auf diese Hilfe angewiesen sind? Sind es die angesprochenen MusikkonsumentInnen? Sind es die Kreativen oder sind es die Shareholder deren Values in Gefahr sind?

Folgt man der Anti-P2P-Argumentationskette von Industrielobbyisten, so wirken sich die Downloads negativ auf die Umsätze der gesamten Musikindustrie aus, was sich wiederum negativ auf das zu investierende Kapital niederschlägt, was dann wiederum eine Einengung der Vielfalt bedeutet, worunter die KonsumentInnen als Letzte in der Kette leiden. Leider ist es aber nicht ganz so einfach wie auf dem lobbyistischen Reißbrett. Zum einen gelingt bis heute der Beweis nicht, dass sich P2P-Filesharing tatsächlich negativ auf den Umsatz der Industrie auswirkt. Ökonometrische Studien können für beide Seiten der Argumentation herangezogen werden woraus bemerkenswerterweise letztlich nichts hervorgeht. Empirisch wird das Problem so bald nicht zu lösen sein, denn auch, wenn die Umsätze aus dem CD-Verkauf deutlich nach unten zeigen, so ist das nicht notwendigerweise allein die Schuld von Peer-to-Peer-Netzwerken. Beispielsweise überschnitt sich das Aufkommen von Napster mit dem zu Ende gehenden Produktlebenszyklus der CD als Trägermedium für Musik. Ebenfalls mehr oder minder zeitgleich diversifizierte sich die Produktpalette der Entertainmentindustrie (Spiele und dazugehörige Hardware, Klingeltöne, DVD-Verkauf, ...) sodass zwangsläufig weniger Geld für die „traditionellen“ Vergnügungen wie CDs und Kinobesuche zur Verfügung stand. Dies führte aber nicht zu einem Schrumpfen der Industrie sondern vielmehr zu einer internen Umverteilung weg von CDs hin zu Klingeltönen und MP3, weg von Kinobesuchen und Videoleihgebühren hin zum DVD-Kauf. Misst man also die Umsätze der gesamten Branche und nicht nur jene aus dem CD-Verkauf, so stellt sich das Bild gänzlich anders dar.

Was die Vielfalt betrifft, so kann man hier die KonsumentInnen ebenfalls beruhigen. Beispielsweise wurde für Deutschland gezeigt, dass seit 1999, also seit dem Auftauchen der ersten Tauschbörse Napster, nicht nur die Zahl der Musiklabels rasant gestiegen ist, sondern auch die Zahl der Neuerscheinungen. Dieser Zuwachs ist allerdings den kleinen und Kleinstlables zu verdanken, denn durch die sinkenden Produktionskosten und die günstigeren Produktionsmittel sind immer weniger MusikerInnen auf die wenig vorteilhaften Verträge mit großen Labels angewiesen Sie produzieren und vertreiben entweder selbst oder sie kooperieren mit Indie-Labels, da ihre Alben durch die gesunkenen Produktionskosten schneller rentabel sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden, die KonsumentInnen bedürfen keiner Retter. Vielleicht also die Kreativen? Nachdem aus dem Copyright generierte Einnahmen der Kreativen bei der Verteilung des Kuchens eine Residualgröße darstellen, gibt es für sie nicht viel zu verlieren. Das Gros der Betroffenen konnte nie von Tantiemen leben und geht daher einem so genannten Brotberuf nach bzw. verdient an Konzerten, sofern es hierfür noch einen Markt gibt. Tatsächlich betreffen könnte das Unglück, das die Majors zu beschwören nicht müde werden, ein paar (Super)Stars, die bisher von einem „Winner-takes-all“-Markt profitieren konnten. Gesichert ist dies aber keinesfalls, da zum einen gerade diese Stars bei schrumpfenden Investitionsvolumina weiter „produziert“ werden und eher weniger erfolgreiche MusikerInnen und Bands aus dem Katalog genommen werden und zweitens ist, wie bereits erwähnt, bislang trotz wiederholter Behauptungen der Lobbyisten kein empirisch eindeutiger Beweis gelungen, dass sich Filesharing negativ auf die CD-Verkäufe auswirkt. Darüber hinaus ist das suggerierte Szenario, dass die Musik ausstirbt ohnehin wenig glaubwürdig, da es Musik und MusikerInnen weitaus länger gibt als die dazugehörige Industrie. Die Industrie braucht die Musik, aber braucht die Musik die Industrie noch? Mehr und mehr KünstlerInnen stellen daher ihre Einkommensquelle auf Live-Auftritte und neue Vertriebsmodelle um. Folglich sind auch die MusikerInnen keineswegs derart hilflos, dass sie eines Retters bedürfen.

Um die Shareholder der großen Labels muss man sich vermutlich keine Sorgen machen, da - wie bereits mehrfach erwähnt - der Nachweis fehlt, dass ihnen tatsächlich Gewinne auf Grund von Filesharing entgehen. Darüber hinaus besitzen sie ihre Anteile an den Firmen und nicht am CD-Verkauf. Folglich profitieren sie im (Extrem)Fall von Sony vom Verkauf der MP3-Player, Videos, Spiele Hardware etc. also all jenen Produkten die Konsumierende als alternative Konsumgüter in ihr Herz geschlossen haben. Es ist nicht anzunehmen, dass die Shareholder die Witwen und Waisen in dieser Geschichte sind.

Folglich bleibt die Frage offen, wer hier gerettet werden soll, wenn nicht die eigene Haut?

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Paul Stepan ist Assistent für Cultural Economics and Creative Industries an der Erasmus Universität Rotterdam und Vorstandsmitglied der Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien (FOKUS).



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