Ab wann ist ein Film "erfolgreich"?

Und: Braucht ein öffentlich finanzierter Film eine "Vermarktungsprämie"? - Betrachtungen zur Förderökonomie des Austro-Kinos - Von Paul Stepan (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.05.2007)

In den letzten Jahren war verstärkt vom Erfolg des österreichischen Films zu lesen und zu hören. Was implizit damit gemeint war, ist der verstärkte Auftritt majoritär österreichischer Produktionen bei internationalen Filmfestivals wie beispielsweise Cannes, Venedig oder Berlin. Eine Erfolgsdefinition der, wie bei der Trennung des Produzentenverbandes offensichtlich wurde, nicht alle anhängen. Das Gegensatzpaar lautet – wie könnte es auch anders sein – künstlerischer versus kommerzieller Erfolg. In diesem Beitrag möchte ich mich auf den kommerziellen Erfolg konzentrieren, denn die Anerkennung des künstlerischen Erfolgs ist Sache von Festivaljuries.

Die Bewertung des kommerziellen Erfolgs ist wesentlich komplexer als man gemeinhin annehmen möchte. Handelt es sich, wie in Europa üblich, um Kinobesuche, um Umsätze/Gewinne oder gar um Renditen?

Die Kinobesuche sind sicherlich der trivialste und am leichtesten messbare Parameter, allerdings ist auch die Aussagekraft limitiert, da zumeist auch nur die österreichischen Kinobesuche als Vergleichsgröße herangezogen werden, so dass beispielsweise „Die Klavierspielerin“ laut Angaben des Österreichischen Filminstitutes knapp ein Siebentel der BesucherInnenzahlen von „Hinterholz 8“ aufweist. Allerdings war „Die Klavierspielerin“ ein Film, der international vertrieben wurde und in Frankreich enorme Erfolge erzielte, was von eher regionalen angelegten Produktionen wie dem österreichischen „Kabarettfilm“ nicht bekannt ist. Unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet sind die heimischen BesucherInnenzahlen wiederum ein sinnvoller Indikator. Da die österreichische Filmwirtschaft, zumindest der Spielfilmsektor, kein Wirtschaftszweig im engeren Sinne ist, nachdem die Finanzierung der Produktion (inklusive Produktionshonorar und Gagen) mit weit über 90%, in vielen Fällen sogar zu 100% aus öffentlichen Mitteln (den ORF eingerechnet) bedeckt ist,  kann argumentiert werden, dass die Erreichung des heimischen Publikums, also des eigentlichen Finanziers, ein wichtiger Parameter zur Evaluierung der Förderpolitik ist. Dennoch reichen auch dafür die bloßen BesucherInnenzahlen nicht aus, denn diese müssen wieder in Relation zu den Produktionskosten gesetzt werden, was eine relative Bevorzugung von günstigeren Produktionen und Dokumentarfilmen nahe legt. Die erfolgreichsten Beispiele dafür sind sicherlich die Filme „Darwins Nightmare“, „We Feed the World“ beziehungsweise die österreichisch-deutsche Koproduktion „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Ähnlich sieht die Argumentation bei den Renditen, aus. Günstigere Filme erwirtschaften zu meist ein verhältnismäßig geringeres Defizit, bzw. in Einzelfällen sogar Gewinne. Die großen österreichischen Flagschiffe hingegen, die im internationalen Vergleich nach wie vor Kleinproduktionen sind, können ihre Entstehungskosten meist nur zu einem geringeren Prozentsatz amortisieren, so dass unter Fördergesichtspunkten damit die Erreichung einzelner ZuschauerInnen relativ teurer ist, als durch die Förderung mehrerer kleiner/günstigerer Filme.

Ein Umstand, der die ganze Diskussion um kommerzielle Erfolgsparameter allerdings ad absurdum führt, drückt sich in der Existenz der Referenzmittelförderung aus. Ökonomisch betrachtet ist das Urheberrecht ein nachfrageseitiger Anreiz kreativ tätig zu sein, eine indirekte Subvention. Das Urheberrecht erlaubt es Kreativen ihre Produkte künstlich zu verknappen und eröffnet dadurch die Möglichkeit ihre Entwicklungskosten zu amortisieren. Nachdem der Filmsektor wie bereits erwähnt viel mehr eine Kunst- denn eine Wirtschaftssparte ist und die Subventionsquoten für Film oftmals weit über denen des Theaterbereichs liegen, stellt sich die Frage, welchen Beitrag das Urheberrecht hier zur Produktion neuer Filme leistet. Die Antwort gibt die Referenzmittelförderung: keinen. Denn hätte das Urheberrecht in diesem Zusammenhang eine Anreizfunktion, so wäre es gänzlich unverständlich warum die Vermarktung eines (fast) vollständig öffentlich finanzierten Produktes noch einer Prämierung zusätzlich zum Urheberrecht bedarf. Nachdem das Urheberrecht, also die Chance, in Filme investiertes Kapital auf dem Markt zu erwirtschaften, nicht die nötigen Anreize setzt um öffentlich finanzierte Produkte zu vertreiben, ist eine Diskussion um kommerzielle Erfolgsparameter müßig.

Dennoch gibt es in der Kulturpolitik auch andere Überlegungen und Parameter als ökonomische, weswegen eine strenge Auslegung dieser Argumentation nicht zwangsläufig als Politikempfehlung missverstanden werden darf.

Paul Stepan ist Assistent für Cultural Economics and Creative Industries an der Erasmus Universität Rotterdam und Vorstandsmitglied der Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien (FOKUS).



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